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  Das Rosenschloss
 

Es castell de ses roses

Das Schloss der Rosen
(Felanitx)

Es war ein Haus, in dem zwei Kinder waren, ein Knabe und ein Mädchen, sie waren vom Mittelstande, weder arm noch reich.

Und es war ein anderes Haus, wo auch ein Bruder und eine Schwester war und diese waren sehr reich.

In diesen beiden Häusern waren sie sehr befreundet und eines Tages verabredeten sich die beiden Knaben, ein Schloss von Rosen zu machen, die beiden Schwestern sollten über das Schloss springen, und derjenigen, welche das Schloss überspringen würde, ohne eine Rose zu brechen, sollten alle Güter gehören. Diese beiden durften noch nichts davon erfahren.

Als sie das Schloss verfertigt hatten, nahmen sie die beiden Schwestern mit und als sie bei dem Schlosse angekommen waren, sagten sie ihnen, dass diejenige die darüber springe, ohne eine Rose abzubrechen, die Güter erhalten würde.

Die Arme sagte zu der Reichen:

– Springe du darüber.

Und die Reiche sagte zu der Armen:

– Springe du darüber.

Die Reiche sprang darüber und nahm eine Rose mit und dann sprang die Arme darüber und nahm ein Blatt mit, und damit man es nicht bemerke, ass sie dasselbe auf.

Sie gewann die Güter und sie und ihr Bruder schifften sich ein.

Er begann zu studiren, und sie gebar von dem Rosenblatt ein Mädchen und damit der Bruder es nicht merkte, hielt sie es bei einer Amme, und liess sich einen unterirdischen Gang bauen, der vom Hause der Amme zu ihrem eigenen führte.

Das Mädchen wurde gross und wusste nicht woher es war, und man sagte ihm, wenn Jemand darnach frage, solle es antworten:

Meine Mutter war Rose,

Rose bin ich auch,

Und ich hab Rosen gepflückt,

Vom selben Rosenstrauch.

Eines Tages fand sie der Bruder jenes Mädchens und frug sie, woher sie sei und sie antwortete:

Meine Mutter war Rose,

Rose bin ich auch,

Und ich hab Rosen gepflückt,

Vom selben Rosenstrauch.

Ihre Worte waren ihm unverständlich und eines Tages ging er vorüber und warf ihr ein Nadelbüchschen zu und das traf sie am Kopfe und steckte sich dort fest. Die Mutter zog ihr alle Nadeln heraus und als sie dachte, dass keine mehr im Kopfe sei, fing sie an zu kämmen, aber eine Nadel stiess sich ganz hinein, sie fiel in Ohnmacht und man dachte, dass sie todt sei und die Mutter liess ihr einen Sarg machen, verschloss ihn in einem Zimmer ihres Hauses und öffnete dasselbe nicht mehr.

Indessen kehrte der Bruder zurück, er fand die Schwester sehr traurig, und er fragte sie, was sie habe. Sie sagte, dass sie nichts hatte, erkrankte und starb. Vor ihrem Tode hatte sie ihm alle Schlüssel ihres Hauses gegeben und ihm gesagt, er könne alle Zimmer öffnen, nur das eine nicht.

Er öffnete es dennoch und fand darin jenes Mädchen lebend und er nahm es als Dienstmädchen an.

Eines Tages sollte der Bruder auf die Reise gehen und er fragte sein Dienstmädchen, welches man die kleine Sklavin nannte:

– Kleine Sklavin, was willst du?

– Sie sagte ihm, dass er ihr doch nicht das bringen würde, was sie sich wünschte.

– Ja, ich werde es dir bringen, sagte ihr Herr.

– Nun denn, ich wünsche einen blühenden Myrthenzweig, ein Messer mit zwei Schneiden und ein Herz von Stein.

Er ging auf die Reise, besorgte seine Geschäfte und dachte nicht an die kleine Sklavin.

Auf der Rückreise nach Hause, blieb das Schiff, das ihn führte, stehen und war auf keine Weise vorwärts zu bringen. Der Patron frug nach, ob nicht Jemand da sei, der irgend ein Versprechen gemacht habe.

Er sagte, dass er an die kleine Sklavin nicht gedacht habe, das Schiff kehrte zurück und er begann alles zu suchen, was er der kleinen Sklavin bringen sollte.

Als er zu Hause ankam, gab er ihr alles das, was er mitgebracht hatte.

Die kleine Sklavin klagte jeden Abend bevor sie schlafen ging:

O Herz steinernes

Warum tödtest du mich nicht?

O blühender Myrthenzweig

Warum nimmst du mir nicht das Leben?

O Messer mit zwei Scheiden

Warum trägst du mir nicht meine Sorgen weg?

O Herr, wenn ihr wüsstet,

Von wem ich die Tochter bin.

Eines Abends hörte es der Diener und ging, es seinem Herrn zu erzählen.

Der Herr ging zuzuhören und als er es gehört hatte, klopfte er an die Thüre, und wie sie das Klopfen hörte, löschte sie das Licht aus.

Er klopfte abermals und sie öffnete.

Der Herr fragte sie, was sie habe, dass sie also spreche.

– Sie sagte, dass sie nicht gesprochen habe, dass sie wahrscheinlich träumte.

Er bat sie und sie begann zu sprechen:

O Herz steinernes

Warum tödtest du mich nicht?

O blühender Myrthenzweig

Warum nimmst du mir nicht das Leben?

O Messer mit zwei Schneiden

Warum trägst du mir nicht die Sorgen weg?

O Herr wenn ihr wüsstet

Von wem ich die Tochter bin.

Der Herr wurde ohnmächtig.

Als er wieder zu sich kam, liess er sich alles erzählen und die kleine Sklavin wurde nun die Herrin.


Quelle:

Erzherzog Ludwig Salvator: Märchen aus Mallorca. Würzburg, Leipzig: Verlag der Kaiserlichen und Königlichen Hofbuchhandlung von Leo Woerl, 1896, S. 73-81.

 
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